Die in Marmor und andere Steine eingemeißelten altgriechischen Inschriften ermöglichen es uns, die Worte der antiken Karer auf der Chersones unmittelbar zu hören. Diese Texte enthalten politische Beschlüsse, Aufzeichnungen über Spenden, Ehrungen verdienter Bürger oder auswärtiger Freunde, Feiern anlässlich von Siegen bei athletischen Wettkämpfen sowie Grabinschriften. Sie waren wichtig, um die Gemeinschaft von Phoenix zu definieren, sie mit der übrigen griechischen Welt zu verbinden und gute Beziehungen zu Göttern, Nachbarn und Familienmitgliedern zu bewahren.
Bislang wurden zweiunddreißig Inschriften aus Phoenix veröffentlicht. Die meisten sind kurze Grabinschriften, einige behandeln politische und religiöse Themen. Die Texte stammen aus der Zeit zwischen dem 4. Jahrhundert v. Chr. und dem 8. Jahrhundert n. Chr., in dem das Christentum im spätrömischen Reich bereits weit verbreitet war. Einige wurden auf Statuenbasen oder Mauerblöcken angebracht, andere unmittelbar in den anstehenden Fels eingemeißelt und so zu dauerhaften Bestandteilen der Landschaft. Diese Texte geben uns Aufschluss über das Leben der Menschen zur Zeit ihrer Entstehung, ihre weitreichenden Verbindungen zur rhodischen Peraia und ihren politischen, gesellschaftlichen und kultischen Status.
Die Inschriften behielten ihre Bedeutung jedoch auch in den Jahrhunderten nach ihrer Entstehung – bis in die Gegenwart. Viele antike hellenistische Inschriften wurden in eine frühchristliche Kirche in Phoenix integriert, zahlreiche weitere in neuzeitliche Häuser in Taşlıca. Dieses “zweite Leben” der Inschriften stand bislang nur selten im Mittelpunkt epigraphischer Forschung. PAP bietet uns die Möglichkeit, diese Steine nicht nur als historische Quellen zu betrachten, sondern antike und neue Inschriften gemeinsam zu untersuchen und zu erforschen, wie sie über die Jahrhunderte als aktive Bestandteile der Landschaft und des Siedlungsraums wirkten. Vor diesem Hintergrund verfolgt das epigraphische Teilprojekt des PAP folgende Ziele:
1. Die bereits veröffentlichten Inschriften im Gelände aufzufinden und zu dokumentieren sowie ihren heutigen Erhaltungszustand im Vergleich zu früheren Publikationen festzuhalten.
2. Neue Inschriften, die im Rahmen des Projekts entdeckt werden könnten, zu dokumentieren, zu lesen und zu veröffentlichen. Von diesen Arbeiten werden insbesondere aufschlussreiche neue Erkenntnisse für das Kultprojekt des PAP erwartet. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Fundorten, der Sichtbarkeit, der Wiederverwendung als Baumaterial in späteren Bauwerken und den physischen Eigenschaften der Inschriften.
3. “Sozialgeschichten” der Inschriften von Phoenix zu verfassen, die ihre Rolle in der Gesellschaft nicht nur in der Antike, sondern auch in byzantinischer, seldschukischer, osmanischer und neuerer Zeit untersuchen. Durch die Zusammenarbeit mit den Oral-History Untersuchungen und den Forschungen zum kulturellen Erbe in Phoenix soll das Projekt beleuchten, wie die lokale Bevölkerung diese Inschriften über Jahrtausende hinweg wahrgenommen hat. Übersetzungen aus dem Altgriechischen ins Türkische und Englische werden diese Texte einem breiteren Publikum zugänglich machen.
Anna M. Sitz ist Postdoktorandin an der Universität Heidelberg und leitet dort ein Projekt über Inschriften in griechischen Tempeln. Die gebürtige US-Amerikanerin wurde 2017 an der University of Pennsylvania mit der Dissertation „The Writing on the Wall: Inscriptions and Memory in the Temples of Late Antique Greece and Asia Minor“ promoviert. Die Arbeit verband epigraphische und archäologische Ansätze und untersuchte die Weiterverwendung und Bewahrung antiker paganer Inschriften in der frühchristlichen Welt. Sitz interessiert sich besonders für die Rolle von Inschriften im religiösen und gesellschaftlichen Wandel des spätrömischen Reiches. Während ihrer Promotion verbrachte sie zwei Jahre an der ASCSA (American School of Classical Studies at Athens) und erhielt das CAORC-Mittelmeerstipendium am ARIT (American Research Institute in Turkey) in Ankara. Neben Phoenix forschte sie zum byzantinischen Kappadokien und gräbt derzeit einen mittelalterlichen christlichen Friedhof in Labraunda in Karien aus. In ihren Lehrveranstaltungen an der Universität Heidelberg führt sie Studierende in Themen wie „Heidentum in der Spätantike“, „Konstantin der Große“ und „Griechische Identität in Anatolien“ ein.
Koray Konuk ist als Forschungsdirektor (Directeur de recherche) fest am französischen Centre national de la recherche scientifique (CNRS) tätig. Seine Hauptinteressen sind die Geschichte der frühen Münzprägung sowie Geschichte und Archäologie Kariens, einer Region im Südwesten Kleinasiens.
Nach dem Studium der Klassischen Archäologie und der Politikwissenschaft in Löwen und der Promotion in Oxford wurde er Kurator für antike Münzen am Fitzwilliam Museum und Lehrbeauftragter an der Fakultät für Altertumswissenschaften der Universität Cambridge.
Er leitete archäologische Surveys im Keramischen Golf in Karien und stand der französischen archäologischen Mission in Euromos vor. Als Gastwissenschaftler war er in Oxford, Istanbul und bei der American Numismatic Society in New York. Derzeit leitet er das Gemeinschaftsprojekt Historia Numorum Online, das griechische Münztypen erfasst; der aktuelle Band behandelt die Münzstätten Kariens: http://hno.huma-num.fr/.
Er ist Mitherausgeber des neuen Bulletin Numismatique de l’Asie Mineure und des International Journal of Ancient Mediterranean Studies: Philia und gehört den Redaktionsbeiräten von Fachzeitschriften wie Anatolia Antiqua (Istanbul), Anadolu (Ankara), Archaeologia Maeandrica (ARMA, Aydın) und Arkeoloji ve Sanat Dergisi (Istanbul) an.